Junge-Hunde-Leiter Markus Steinwender: „Man muss über Ängste reden“

markus steinwender c sebastian hoffmann - Junge-Hunde-Leiter Markus Steinwender: "Man muss über Ängste reden"

Am 14. März feiert „Wer nicht träumt, ist selbst ein Traum“ Premiere – eine Uraufführung, über die sich nicht nur Junge-Hunde-Spartenleiter Markus Steinwender sehr freut. Im Interview erzählt Markus, wie das Stück ans Theater an der Rott gekommen ist, warum es gut ist, Kindern auch ernste Themen nahezubringen, wie genau das gelingen kann und nicht zuletzt, wie sich mit Angst umgehen lässt und wovon es sich zu träumen lohnt…

Markus, Du bist Leiter der Sparte „Junge Hunde“ und führst selbst Regie im Stück „Wer nicht träumt, ist selbst ein Traum“. Wie bist Du auf dieses Stück aufmerksam geworden? Und warum ist es so wertvoll, auf die Bühne des Theater an der Rott zu kommen?

Das Stück wurde extra für uns geschrieben. Jens Raschke kenne und schätze ich als Autor schon länger, das Stück „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ war in meiner ersten Saison am Theater an der Rott 2015/2016 ein besonderes Highlight und auch für die Sparte ein wichtiger Schritt. Umso mehr habe ich mich gefreut, als wir uns über die Vermittlung seines Münchner Verlags gemeinsam für das Förderprogramm „Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater“ beworben haben und auch die Zusage bekommen habe. Jens hatte die Idee zu einem Stück, in dem die Thematik Flüchtling in Deutschland vorkommt, aber aus einer aktuellen neuen Perspektive. Also weniger den Teil der Flucht oder deren Ursachen, sondern was passiert, wenn man da ist, welche Traumata bleiben, welche Hoffnungen entstehen können. Das wurde mit dem Thema Verlust und einer deutschen Sichtweise kombiniert. Und so viel sei verraten: Es wurde ein ganz, ganz großartiges Stück!

Zwei Kinder, zwei Schicksale: Finn hat seine Schwester verloren, dafür eine Heimat. Ahlam hat ihre Heimat verloren und weiß nichts von ihren Eltern. Wie transportiert man solche Realitäten für Kinder ab acht Jahren?

Mit Kunst! Das heißt mit Poesie, mit Sinnlichkeit, mit einem Mut zur Symbolik, die nicht zu eindeutig ist, sondern Assoziationsräume aufmacht. Die auch spielerisch ist und – so hoffe ich – Witz hat. Dabei wird es auch mal laut, doch wir haben einen Bühnenraum geschaffen, in dem die Zuschauer*innen am Anfang auf die Spielsituation „draufschauen“, das heißt es gibt einen Abstand, wie wenn man in ein Zelt zwar reinschauen, aber nicht rausschauen kann. So können wir uns das ansehen und es wird nicht von der Bühne aus übergriffig. Dennoch beginnt es einen in die Geschichte hineinzuziehen, bis es zur Schlüsselszene kommt, der Begegnung von Ahlam und Finn im Schrank, den sie als Schutzraum und er als Sehnsuchtsort begreift.

Du bist selbst Papa einer Tochter – was weiß sie über das Flüchtlingsthema?

Sie weiß, dass Menschen fliehen mussten und dass sie bei uns sind. Für sie sind Menschen aus anderen Ländern Alltag, auch mit Fluchthintergrund, weil sie mit ihnen gemeinsam in die Schule geht. Da hat sie mehr Erfahrung als ich, würde ich sagen. Und die Themen Verlust, Erwachsenwerden und die elterliche und geschwisterliche Liebe, das sind Themen, die kann auch eine Achtjährige nachvollziehen, kann sie spüren. Es geht beim Theater nicht darum, alles zu verstehen und gerade Kinder müssen nicht immer alles verstehen. Das wollen die Erwachsenen immer. Aber die Realität eines Kindes besteht aus sehr viel Fantasie, Ergänzungen, Nicht-Verstehen und Auffüllen mit eigenen Erklärungen. Und es ist oft gar nicht wichtig, es zu verstehen, wichtig ist etwas zu empfinden.

Das Stück behandelt nicht nur Schicksale im Speziellen, sondern auch Ängste im Allgemeinen – ein Gefühl, das negativ behaftet ist, aber dennoch zum Leben dazugehört. Wie lässt es sich aus Deiner Sicht am besten mit Angst umgehen?

Ich denke, man muss über die Ängste reden. Man muss sie greifbar machen, man muss sie ernst nehmen, aber auch nicht zu ernst, das heißt sie dürfen nicht überhand nehmen. „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben“ habe ich noch aus eigener Kindheit in Erinnerung. Dass Ängste nämlich auch ein riesiges Geschäft sind und auch eine Möglichkeit, die Massen zu manipulieren, das dürfen wir nicht übersehen! Und dass es so etwas wie „German Angst“ gibt, finde ich auch interessant, eine grundsätzliche Ängstlichkeit dem Leben, der Welt gegenüber. Eine angstfreie Welt wäre etwas sehr Wunderbares. Im privaten, im gesellschaftlichen, im beruflichen, im politischen Leben. Eine „Freedom from fear“, wie es Franklin D. Roosevelt 1941 zum Programm machte, neben Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und ökonomische Sicherheit.

Die fröhliche Schwester der Angst heißt Hoffnung. Was lässt Dich hoffen?

Dass es immer Wellenbewegungen sind. Mal pendelt es in die eine Richtung, mal in die andere.

Und dann sind da noch Träume, das Titelthema schlechthin. Wovon lohnt es sich zu träumen?

Von einer Welt ohne Hass. Von einer Welt ohne Not, ohne Gier, ohne Ausbeutung. Ein Idealzustand, wahrscheinlich nicht zu erreichen, aber davon zu träumen lohnt sich. Wir neigen schon mehr zum Ausmalen von Dystopien, dabei sind die Utopien das, was uns weiterbringt. Und bei allem Träumen darf man nicht vergessen: „Don’t dream it, be it“, wie es Tim Curry in seiner Rocky Horror Show so treffend formulierte.

Was möchtest Du persönlich mit diesem Stück erreichen?

Was eigentlich immer mit dem Theater erreichen möchte, das ich mache: bewegen. Zum Nachdenken, zum Fühlen, zum Im-Moment-Sein. Theater ist ein großartiger Moment, weil er nie wiederholbar ist, er ist jedesmal neu, je nach Tag, Stimmung, Publikum undsoweiter. Das gemeinsame Erlebnis aber, das ist das, was mich fasziniert. Und dabei, dass ich als Zuschauer anders herauskomme, als ich reingegangen bin. Und wenn wir danach über das Gesehen reden, nachdenken oder nachspüren, ja, dann ist schon viel passiert.

Mehr Infos zum Stück und Karten gibt’s hier.