Interview zu „High Noon“…

Pandora Pop

…mit Anna Winde-Hertling und Carolin Schmidt. Anna ist für die Kostüme verantwortlich, Carolin für die Körperregie – beide haben mit dem Team das Konzept erarbeitet.

 

„High Noon“, das erste Stück der Spielzeit 2019/2020 ist ein Endzeit-Western-Spektakel. Was soll das denn sein?

Anna: „High Noon“ spielt in einer unbestimmten Zukunft. Die Klimakatastrophe ist Wirklichkeit geworden und hat Niederbayern in eine Steppe verwandelt. Es ist heiß, es gibt keine Insekten mehr und folglich auch kaum noch Pflanzen oder Tiere. Es ist also wie im wilden Westen… Die Menschen in dieser Dystopie leben wie in vergangenen Zeiten. Alles ist etwas reduzierter, einfacher. Es herrscht das Gesetz des Stärkeren. Und dann gibt es da noch den Virus…

Das Stück spielt mit dem Begriff „Spektakel“ wie Guy Debord ihn in „Die Gesellschaft des Spektakels“ benutzt. Debord erklärt, dass die Realität hinter der Scheinwelt von Reklame, Klischee und Propaganda unsichtbar wird und Real-Erlebtes durch ein Surrogat ersetzt wird. In „High Noon“ ist die Welt des Konsums und der Produktionsgüter schon längst überholt, dennoch wird permanent versucht, irgendetwas zu verkaufen und an der alten Ordnung festgehalten. In der Figur des Showmasters wird dies besonders deutlich. Auch die anderen Figuren erscheinen als Klischees, als Folien für bestimmte Personengruppen und bewegen sich für sich gesehen an der Oberfläche. Durch die formale Anordnung des Theater-Spektakels demontieren wir jedoch diese scheinbare Oberfläche…

Der Wilde Westen und das Rottal – was haben diese beiden Schauplätze gemein?

Carolin: Na, sie liegen beide fernab und haben eine starke eigene Identität mit charakteristischen Merkmalen wie dem Dirndl und dem Cowboyhut. Die Bewohner sind selbstbewusst und stark, die jeweiligen Klischees kennen wir alle und die Parallelen sind vielfältig. Überall begegnen uns Zitate, in denen die Bürger hier selbst darauf verweisen, dass das Rottal und der Wilde Westen sich ähneln, in der Badezimmerwerbung und in Autoaufschriften…

Erst wollten wir stärker den Unterschied zwischen Stadt und Land beleuchten, dann ist uns ziemlich am Anfang unserer Recherche einstimmig aufgefallen, dass das nicht wirklich relevant ist und die Verstrickungen und Zusammenhänge viel komplexer sind – so komplex, dass einem Hören und Sehen vergeht und dass man vor Informationsüberflutung Zuckungen bekommt. Das Land dient immer noch als Sehnsuchtsort für Ruhe, Einfachheit, zurück zum Wesentlichen, aber auch direktere Emotionen, Bodenständigkeit werden damit verbunden.

Um mehr über den Rottaler Cowboy und das Rottaler Cowgirl zu erfahren, habt Ihr eine Hotline eingerichtet. Mit Erfolg?

Carolin: Ja, aber nicht nur das, wir sind anfangs viel unterwegs gewesen hier, haben Menschen aufgestöbert, Interviews geführt, die Stimmungsbarometer ausgelegt und versucht abzulesen. Das war sehr interessant und hat uns auch immer stärker mit der Gegend hier verbunden. Wir waren bei Informationsveranstaltungen, haben Bankangestellte, Cafébesitzer, Köche, Hausbesitzer, Studenten angehört. Und mit diesen Eindrücken das Stück gebaut.

Und? Wer ist jetzt der*die Rottaler*in?

Carolin: Auch der*die Rottaler*in hat viele Gesichter, aber darum geht es gar nicht so sehr, sondern eher darum, wie sich jeder hier noch zurechtfinden kann und wie wir gemeinsam eine sinnvolle Lösung finden.

 

Wo genau liegt die Wahrheit im Klischee?

Anna: Wie schon gesagt: Das Klischee bietet nur die Folie für eine tiefere Auseinandersetzung. Von dort ausgehend werden ganz andere Themen bearbeitet. Zum Beispiel, wie wir in Zukunft mit den veränderten Lebensbedingungen einer sich permanent weiter entwickelnden Umwelt umgehen werden. Ob wir irgendetwas im Bezug auf den Klimawandel abwenden können oder ob die Veränderungen auch Chancen für neue Wirtschaftszweige bzw. -gebiete bringen. Die Frage ist also nicht, welche Wahrheit im Klischee liegt, sondern wofür das Klischee dient. Im Falle von „High Noon“ ist es dafür da, den Fokus auf die Probleme zu lenken, die uns alle beschäftigen. Und im Klischee kann jeder ein bisschen von sich erkennen, weil es so allgemein ist.

Im Stück geht ein ominöser Virus um. Was stellt der an – und: Wie weit ist er schon verbreitet? Gibt’s da ne Impfung, hilft da ein Antibiotikum?

Anna: Wie weit verbreitet er schon ist, weiß man nicht genau. Die Kommunikation ist abgeschnitten, der öffentliche Verkehr liegt lahm, es kommen selten Infos von draußen ins Dorf. Wenn mal jemand vorbei kommt, wird er entweder als Eindringling verjagt oder erschossen. Und falls nicht… Man geht davon aus, dass der Virus schon das ganze Land, vielleicht sogar ganz Europa und Teile Nordamerikas ergriffen hat. Die westlichen Industrienationen scheinen besonders gefährdet. Angela Merkel hat ihn ja bereits…

Carolin: Der Virus bewirkt, dass wir die Zusammenhänge immer direkt sehen, die Handelswege, die CO2-Bilanz von jedem Produkt, das wir in die Hand nehmen, uns wird bei jeder Handlung bewusst, was sie für Folgen hat, es ist eine Art Hypersensibilität für die globalen Zusammenhänge und überlastet das Nervensystem.

Es könnte wie eine Notbremse des Planeten sein, die den Erhalt der Erde eventuell auch ohne Menschen sichert, das letzte Angebot der Erde an uns, eine gemeinsame Lösung zu finden. Eine Impfung gibt es nicht, das ist diesmal nicht die Lösung, auch wenn natürlich danach gesucht wird, die Menschen werden nervös in Anbetracht der Komplexität der Zusammenhänge, es ist nicht mehr einfach, sinnvoll etwas Gutes zu tun innerhalb einer so hochindustrialisierten Welt und trotzdem darf man als allerletztes verzagen, obwohl das durchaus verlockend ist

„High Noon“ wird als „crossmedial“ beworben. Was darf der Rottaler da drunter verstehen?

Anna: Wir verschneiden unterschiedliche mediale Techniken mit dem Live-Element des Theaters. Das bedeutet, dass auf der Bühne eine Kamera zum Einsatz kommt, die z.B. Handlungsstränge auf der Bühne vergrößert oder eigens für die Kamera inszenierte Szenenbilder vervollständigen die Handlung auf einer anderen medialen Ebene. Aber auch live animierte Filmsequenzen werden zu sehen sein. Im Groben kann man sagen, dass die crossmediale Erzählweise dazu dient, ein umfassenderes Bild von den Inhalten, die verhandelt werden, zu zeichnen.

Pandora Pop – wer seid Ihr eigentlich, wo kommt Ihr her? Solche Basics muss der Rottaler wissen… 

Anna: Pandora Pop gibt es in dieser Konstellation seit 2015. Seit dem Doppelpass sind noch Thorsten und Georg dazu gekommen. Die meisten von uns haben in Hildesheim studiert. Zwei auch am Dartington College of Arts. Das sind beides Schulen, in der performative Arbeitsweisen im Theater vermittelt werden und das hat uns stark geprägt. Gunnar hat ganz klassisch Schauspiel studiert und ist dann schnell zu Regie und Performance gewechselt, er lebt in Nürnberg. Caro ist als Choreographin und Tanzvermittlerin tätig, hat zeitgenössischen Tanz studiert und lebt in Berlin. Insgesamt arbeiten wir alle gleichberechtigt im Kollektiv, das heißt wir entwickeln Texte zusammen, führen gemeinsam Regie, die meisten stehen als Darsteller auch auf der Bühne. Natürlich hat jeder von uns dazu noch sein Spezialgebiet. Georg kümmert sich um Sound, erfindet und baut technische Gegenstände, die man auf der Bühne im Spiel nutzen kann. Er lebt in Berlin.

Carolin: Thorsten schreibt Texte und hat das dramaturgische Auge im Gepäck, er arbeitet noch in Dortmund am Theater, wohnt aber schon in Plauen. Norman macht Videoanimation, Film und Skizzen, er ist für die Gestaltung zuständig. Er lebt in Köln. Anna hat es nicht ganz so weit, sie wohnt in München. Sie bringt Material zum Experimentieren auf die Bühne und gestaltet die Kostüme.  Außerdem ist sie als Theaterpädagogin tätig.

Was treibt Euch um?

Anna: Wichtig ist, dass jedes Stück irgendwie mit uns zu tun hat. Am Anfang steht immer ein persönlicher Zugang: eine Gegebenheit, ein Anliegen, eine Begegnung. Und dann fragen wir uns, ob dieser Ausgangspunkt auch für andere interessant ist, ob er gesellschaftliche Relevanz hat, ob es eine Fragestellung dahinter gibt, die es wert ist in die Welt hinaus gefragt zu werden. Wenn dem so ist, machen wir eine Hypothese draus, eine Behauptung, die im besten Falle etwas auslöst, die irgendwie aneckt und nicht leicht verdaulich ist. Dann geht die Recherche los: Wo stellt sich diese Frage im Alltag, wo können wir die Kontexte verschieben, das Gewohnte überhöhen oder in eine andere Sprache übersetzen? Wir wollen den Blick auf gesellschaftliche Phänomene und Konzepte lenken, die es zu überdenken gilt. Dafür mixen wir Popkultur mit performativer Darstellungspraxis und der Lebensrealität, die uns umgibt. Meist bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen Dokumentation und Fiktion. Zwischen Performertyp und Kunstfiguren.

Das Projekt wurde im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes gefördert und wird auch noch in Fürth zu sehen sein. Wie nähert Ihr Euch den Franken?

Anna: In Fürth erarbeiten wir ein Stück mit dem Titel „Play Hard Work“. Dort geht es um die Erkundung der Grenze zwischen Spiel und Arbeit. Häufig fließt das ja ineinander über. Gerade in Zeiten von agilem Arbeiten, Work-Life-Balance und Home Office ist diese Grenze manchmal nicht mehr so genau sichtbar. Fürth ist eine alte Arbeiterstadt. Die erste deutsche Eisenbahn fuhr zwischen Nürnberg und Fürth. In der Nachkriegszeit sorgten die Quelle AG und die Grundig Werke dort für viele Arbeitsplätze. Ludwig Erhard, der zwischenzeitlich mal deutscher Bundeskanzler war und als Vater des Wirtschaftswunders gilt, ist in Fürth geboren. Außerdem spielt die Spielwarenindustrie dort eine große Rolle: Simba – Dickie, die Spielwarenproduktionsfirma Bruder und viele andere Unternehmen aus diesem Bereich sind in Fürth ansässig. Der Playmobil-Hauptsitz ist nicht weit entfernt. Wir haben u.a. mit Menschen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen gesprochen und werden nun ein Spiellabor für Menschen von zehn bis 110 Jahren entwickeln. Dabei darf natürlich fleißig gearbeitet und gespielt werden.