Interview mit Daniel Morales Pérez…

…zu „Cinderella“. Ein Gespräch über die zeitgemäße Interpretation des Märchenklassikers…

Cinderella ist das Märchen von Aschenputtel. Transportierst Du den Stoff in die heutige Zeit oder erwartet das Publikum eine klassische Aufführung?

Der Stoff ist in die heutige Zeit transportiert. Wir haben versucht, uns an die Rahmenhandlung zu halten, damit zu erkennen ist, dass es sich um Cinderella handelt. Aber auf unsere Art: Die Stiefmutter ist die Leiterin eines Studienzentrums und die zwei Stiefschwestern sind Mitstudierende. Sie haben ständig ihr Handy in der Hand und machen Selfies. Und bei uns gibt es eine schützende, magische gute Fee.

Auf der Bühne steht ein sehr internationales Ensemble?

Ja. Wir haben Leute aus Spanien, Australien, Argentinien, Korea, England – und Österreich. Es sind größtenteils Leute, mit denen ich schon in verschiedenen Projekten gearbeitet habe. Es herrscht großes Vertrauen – solche Projekte haben relativ wenig Zeit, die Proben sind sehr intensiv, man muss das gleiche Verständnis für den Tanz und die Entwicklung der Ideen haben. Ich bin total zufrieden, wir haben große Freude bei der Entwicklung des Stücks.

cinderella copyright rupert rieger1 IS3304x2197 400x266 - Interview mit Daniel Morales Pérez...Du machst Cinderella zum ersten Mal?

Ja. Es ist mein zweites klassisches Ballett, das ich übernommen und daraus eine eigene Geschichte gemacht habe. Das erste war der Nussknacker, auch hier am Haus, 2016. Wir entwickeln eine Geschichte, wir übernehmen die Musik, aber nicht der Reihe nach, sondern so, wenn es für mich richtig ist. Die Lieder sind an die Geschichte angepasst. Das ist eine große Aufgabe für den musikalischen Direktor, weil alles neu arrangiert werden muss.

Das klingt nach viel Arbeit – aber auch nach viel Freude…

Absolut. Wen die Freude und Aufregung fehlt, ist es nicht gut. Man muss einen Zugang finden und die Frage für sich beantworten, warum man dieses Stück macht. Ich bin mit dem Stoff seit gut einem Jahr beschäftigt.

Was treibt Dich bei Cinderella persönlich an?

Wenn ich mir die Gesellschaft ansehe, in der es Formate wie „Germany’s next Topmodel“ oder die Instagram-Mädels, diese Oberflächlichkeit gibt, diesen Wertewandel… Jeder will ganz oben sein, ohne etwas geleistet zu haben und die Medien potenzieren das Ganze. Das ist für mich die Welt der Stiefschwestern und der Stiefmutter.

Und Cinderella?

Was ich in meiner Karriere als Tänzer erfahren habe: Es steckt harte Arbeit dahinter und dazu oft wenig Geld. Ich musste in meinem Studium bis nach Mitternacht in einem Restaurant arbeiten. Was auch ein wichtiges Motiv für mich ist, ist die Flüchtlingskrise. Ein Mensch, der hier landet und nicht mehr zurück in seine Heimat kann, weil dort Krieg herrscht und aber auch nicht richtig hier ankommen kann, weil er noch keine Aufenthaltsgenehmigung hat… Aus beiden Ideen habe ich einen Mix gefunden. Cinderella ist auch irgendwie ein Flüchtling. Und irgendwann kommt sie raus – aus eigener Kraft.

Und nicht nur, weil der Prinz daherkommt und sie rettet…

Genau. Klar geht es auch um Liebe in der Geschichte. Aber wichtiger ist, dass die Frauen, die Mädchen, nicht nur Prinzessin sein sollten, nicht der Besitz eines Prinzen oder die Frau von jemand. Sie sollen selbst entscheiden und sich nicht die Würde nehmen lassen. Frauen waren die längste Zeit in der Pflicht, sich unterzuordnen. Es ist wichtig, dass sie etwas aus ihrem eigenen Leben machen.

Denkst Du dabei auch an Deine Tochter?

Definitiv. Ich mag es, dass sie Märchen gut findet und ständig Prinzessinnenkleider anzieht. Wichtig ist aber, dass sie selbst entscheidet, was sie will. Dass sie sich die Werkzeuge aneignet, um das zu erreichen. Das ist die Idee hinter Cinderella.